Zehn Jahre Arbeit gegen digitale Gewalt. Eine Bilanz.
Als wir 2016 angefangen haben, war digitale Gewalt in der Schweiz ein Thema ohne Begriff, ohne Gesetz, ohne zuständige Stelle. Heute ist Stalking ein eigener Straftatbestand. Es gibt parlamentarische Vorstösse, Studien und eine Öffentlichkeit, die das Thema kennt. Vieles davon ist nicht allein unser Verdienst, aber wir haben unseren Teil beigetragen, über zehn Jahre lang.
Jetzt lösen wir den Verein auf. Nicht aus Resignation, sondern aus klarer Einschätzung der Lage.
Was 2016 noch mit klassischer OSINT-Arbeit, einem aufmerksamen Auge und bescheidenen Mitteln zu bearbeiten war, ist heute ein technisches Problem. Generative KI produziert Hass, Belästigung, Deepfakes und Identitätsmissbrauch in einem Tempo und einer Qualität, die wir mit unseren Mitteln weder nachvollziehen noch eindämmen können.
Wer dieses Feld heute ernsthaft bearbeiten will, braucht eine grosse Belegschaft, technische Infrastruktur und die Werkzeuge, um KI-Probleme mit KI-Mitteln zu lösen. Das kann unmöglich die Aufgabe eines privaten, privat finanzierten Vereins sein. Es ist eine staatliche, eine gesellschaftliche Aufgabe.
Was die Schweiz auch zehn Jahre nach unserer Gründung nicht geschafft hat: eine offizielle, niederschwellige Beratungsstelle für Betroffene digitaler Gewalt aufzubauen. Diese Lücke besteht weiter — und sie wird mit jeder neuen Technologiewelle grösser, nicht kleiner. Sie zu schliessen ist nicht die Aufgabe eines Vereins, der von Spenden lebt und der wiederum beinahe zwangsläufig ins Fadenkreuz der verurteilten Täter gerät. Es ist die Aufgabe des Staates und seiner entsprechend ausgestatteten Institutionen.
Persönlichkeitsschutz, digitale Gewalt, Machtmissbrauch durch Medien und Plattformen, Prävention — daran wird weitergearbeitet. Winkelried & Töchter setzt die juristisch-strategische Arbeit fort: für Persönlichkeitsschutz, gegen mediale Grenzverletzungen, für eine Medienlandschaft, die Verantwortung übernimmt.
Jolanda Spiess ist seit längerer Zeit hauptberuflich an einer anderen Stelle tätig, ebenfalls in einem Feld, das sie für wichtig hält. Mehr dazu zu gegebener Zeit. Daneben programmiert sie weiterhin technische Lösungen für genau die Probleme, die oben beschrieben sind — smart, durchdacht, niederschwellig und aus Überzeugung. Einfach nicht mehr im Namen von #NetzCourage.
Wir nehmen keine neuen Anfragen mehr entgegen. Für Betroffene digitaler Gewalt sind heute die folgenden Stellen die richtigen ersten Anlaufpunkte:
Diese Arbeit war möglich, weil viele Menschen mitgetragen haben: Spenderinnen und Spender, der Vorstand, der Beirat, Anwältinnen und Anwälte, Journalistinnen und Journalisten, Forscherinnen, Politikerinnen, Betroffene, die ihre Geschichte zur Verfügung gestellt haben. Ohne euch keine zehn Jahre. Ohne euch keine Veränderung.
Restvermögen, das nach Begleichung aller offenen Posten verbleibt, geht statutengemäss an einen Verein mit ähnlichem Zweck.